Stadtspaziergang auf den Spuren Christa Wolfs

(Foto: Stefanie Diez, Buchhandlung Die Insel)

AG-Mitglied Katharina liest am Grabe Christa Wolfs aus der Rede, die Günter Grass im Gedenken an Wolf hielt. (Foto: Stefanie Diez, Die Insel)

Innerhalb eines Umkreises von gut einem Kilometer gewährten textlich-literarische und historische Impulsvorträge der studentischen AG Christa Wolf Andernorts im wörtlichen Sinne Zu-Gänge zu Leben und Werk Christa Wolfs in Berlin. Vor der Kulisse Berlins machten die AG-Mitglieder die vielen Facetten der Autorin, politisch engagierten Bürgerin und Ehefrau „Christa Wolf“ an Original-Schauplätzen für die Tour-Teilnehmer*innen seh- und hörbar. Dabei zeigt sich einmal mehr: Leben und Werk sind bei Wolf stets verwoben und können nie getrennt gedacht werden.

 

Ich kann es nicht, das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, ich glaube es nicht und ich weiß, dass es nicht so ist und das möchte ich hier sagen. Darum unter anderem spreche ich, weil es unehrlich wäre, wenn ich das verschweigen würde.“

Christa Wolfs Worte klingen nach, bis heute. 1965 verteidigte sie in einer emotionalen Rede auf dem 11. Plenum des Zentralkomitee der SED ihren Schriftstellerkollegen Werner Bräunig gegenüber der politischen Elite. Diese hatte Bräunig zuvor scharf angegriffen. Wolfs Worte hallen nach bis  ins Jahr 2018, im 6. Obergeschoss der Dorotheenstraße 24, Berlin. Im Gebäude des Instituts für deutsche Literatur beginnt am 04.05.2018 eine besondere Führung auf den Spuren Christa Wolfs im Herzen Berlins, die Wolfs Leben und Wirken folgt. Die Rede vor dem ZK ist dabei nur eine erste Spur, der die ca. 20 Teilnehmer*innen, geleitet von der studentischen Arbeitsgruppe Christa Wolf Andernorts, nach-gehen.

Der frühen Rede Wolfs folgt ein Schritt über Zeiten und Stadtgrenzen hinweg an den Schiffbauerdamm des Jahres 1997. Der Weg führt die Gruppe bei stahlendem Sonnenschein und unter blauem Himmel vom Institutsgebäude über die Weidendammer Brücke/Friedrichstraße zur Brasserie Ganymed nahe des Berliner Ensembles. Hier trifft Christa Wolf auf Thomas Brasch, seines Zeichens Schriftsteller und Regisseur, damals wohnhaft über der Brasserie. Das Treffen ist kurz, mehr ein Zunicken, das die Anerkennung und Bewunderung füreinander nur erahnen lässt. Eine kurze Lesung aus Wolfs „Ein Tag im Jahr“ ruft den Moment in der Brasserie vor Ort ins Gedächtnis der Hörer*innen des Jahres 2018 (die Brasserie existiert heute noch). Wie mit Brasch, so hielt Christa Wolf  Kontakt mit vielen Schriftstellerkolleg*innen in Ost und West.

Mit Berlin verbindet Christa Wolf mehr als nur ihre politischen Auftritte und Freunschaften. Mit ihrem Mann Gerhard und ihren Kindern lebte sie von 1976 bis 1988 selbst in der Friedrichstraße 133. Das Gebäude lag zu Mauerzeiten am Rande Ost-Berlins, heute befindet es sich im von Bürogebäuden geprägten Stadtzentrum der Hauptstadt. Die Friedrichstraße 133 beherbergt heute kaum noch Familien, sondern Vereine und Werbeagenturen. Der Halt am ehemaligen Wohnort an der heute vielbefahrenen Verkehrsachse erinnert an das spannende Verhältnis zwischen Gerhard und Christa Wolf . Die beiden führten eine Ehe, in der beide gleichberechtigt, ohne Konkurrenzgedanken und sich gegenseitig beeinflussend und befreuernd ihren jeweiligen Interessen und Aufgaben nachgingen. Die beiden Intellektuellen verband ein Verhältnis, dass seiner Zeit voraus war und auch heute selten in dieser Form zu finden sein dürfte. Wie profund die (literarische) Arbeit beider verbunden war, lässt sich an einigen Stellen im Werk Christa Wolfs nachlesen. Besonders pointiert sind die Beobachtungen Christa Wolfs in ihrer Erzählung „Er und ich“.

Die Führung endet auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an den Gräbern von Hans Mayer und Christa Wolf. Mayer war Professor und Mentor Wolfs. Bei ihm schrieb sie ihre Abschlussarbeit, an seinem Grab hielt sie 2001 eine bewegende Rede. Nur wenige Schritte weiter befindet sich Christa Wolfs Grab. Am 01. Dezember 2011 verstarb die Autorin. Eine Lesung aus der Grabrede Günther Grass‘, mit dem Wolf besonders in der Nach-Wendezeit eine enge Freunschaft pflegte, beschließt nach gut zwei Stunden den Stadtspaziergang. Die Teilnehmer*innen und Studentinnen der Arbeitsgruppe besprachen zahlreiche Fragen und Ergänzungen an den Original-Schauplätzen und vertieften sie anschließend bei Kaffee und Keksen in den Räumen der Arbeits- und Forschungsstelle Privatbibliothek Christa und Gerhard Wolf.

Mehr Spuren Christa Wolfs in Berlin finden Sie auf unserer interaktiven Karte: Christa Wolfs Berlin

Der Stadtspaziergang fand in Kooperation mit der Buchhandlung Die Insel statt.

 

MariB

 

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