Flash-Performance in der Berliner S-Bahn

Am 16.02.2018 war es soweit: Mitglieder unserer AG Christa Wolf Andernorts trafen sich zu einer Art Mischung aus Flashmob und Performance, um den öffentlichen Raum zu literarisieren. Um das poetische Wort in den Alltag zu bringen und zu unerwarteter Zeit an einem unerwarteten Ort erklingen zu lassen. Und um Menschen zu überraschen, die sonst kein Interesse, keine Zeit, keine Konzentration mehr für das geschriebene Wort haben.

Zu sechst bestiegen wir um 16 Uhr die S2 von der Haltestelle Friedrichstraße Richtung Süden. Kaum waren die Türen geschlossen und das Signal verklungen begann die Lesung. Jede von uns hatte sich einen Ausschnitt aus einem Brief Christa Wolfs aus dem Band Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten – Briefe 1952-2011 (herausgegeben von Sabine Wolf, nicht verwandt mit der gleichnamigen Autorin) herausgeschrieben und las diesen nun gegen die Gespräche der Mitreisenden und gegen das Kreischen der Schienen an. War die eine fertig, übernahm die nächste. Wir hatten uns im Abteil verteilt, sodass unsere Stimmen – ähnlich einem Surround-System im Kino – aus unterschiedlichen Richtungen erklangen.

Wie würden die Fahrgäste auf die Aktion reagieren?

Zunächst fielen die überraschten Gesichter und rollenden Augen auf. Einige Fahrgäste registrierten die Stimmen, schreckten von ihrem Smartphone auf, hoben und senkten den Kopf rasch. Andere verfolgten das Reihum der Lesung, lauschten den Ausschnitten konzentrierter. Einige Augen huschen unsicher hin und her – man sieht die Gedanken hinter der Stirn förmlich: Was passiert hier? Wollen die etwas verkaufen? Ist das eine Sekte? Ist das Kunst? Ein Geschäftsmann am Handy verlässt das Abteil. Ein weiterer Mann lächelt und kommt, bervor er die S-Bahn verlässt, auf uns zu und fragt nach dem Hintergrund der Aktion und sagt, er fände die Idee sehr gut. Ein anderer Herr fragt, ob er das nun anhören müsse. Die ganz negativen Reaktionen fehlen.

Die Aktion dauerte nur wenige Minuten. An der Station Anhalter Bahnhof stiegen wir aus, lachen, grinsen uns an und schütteln die Nervosität ab. Nach kurzer Rücksprache starten wir einen zweiten Versuch auf dem Rückweg Anhalter Bhf. – Friedrichstraße. Es klappt schon besser, mehr Menschen steigen ein, darunter Touristen, die uns unsicher und verwirrt anblinzeln. Auch wenn sie unsere deutschen Texte nicht verstehen, spüre sie, das hier etwas vor sich geht. Erreichen wir auch die deutschen Fahrgäste? Sicher nicht alle, das war auch gar nicht unser Anspruch. Doch wir haben ein Stück Literatur und literarische Geschichte in den öffentlichen Raum und Alltag der Berliner gebracht und (hoffentlich) Gedankenfutter für den restlichen Weg ihrer Reise geliefert.

 

MariB

 

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