Luigi Cherubinis „Medea“ an der Stuttgarter Oper

Lady Hamilton als Medea

Lady Hamilton als Medea (George Romney, 1786)

Eine Flüchtende, gestrandet auf einem Schiff auf dem Weg in die Fremde, verlassen vom Ehemann, der sich – der Integration und sicheren Zukunft willen – neu verheiraten wird. Eine bigotte Gesellschaft, in der die Leidenschaftliche, Verlassene, keinen Platz hat. Eine Frau, die, ans Äußerste getrieben, ihrer Nebenbuhlerin und den Kindern den Tod wünscht. 431 v. Chr. – 2018. Medea.

Medeas Schicksal berührt intimste Gefühle und Themen und inspiriert seit tausenden Jahren Künstler*innen zu Dramen, Romanen, Opern, Filmen und bildender Kunst. Schicht für Schicht eröffnet sich so eine neue Dimension des Mythos Medea, und jede zieht Bekanntes in Zweifel, provoziert und steht nicht zuletzt im Dialog mit anderen Medea-Interpretationen. Am bekanntesten und einflussreichsten erwies sich eine der frühesten dramatisierten Fassungen des Mythos, jene des Euripides aus dem Jahr 431 v.Chr. Er initiierte das Narrativ, das Medea als rasende Kindermörderin zeichnet, die dem Publikum das Grauen lehrt. Die aber gleichzeitig auch eine Getriebene ist, nirgends zugehörig, und deren Situation, auf den zweiten Blick, Fragen der Schuld(igkeit) verkompliziert.

Das ist die Ausgangslage, von der sich der französische Komponist Luigi Cherubini für das Libretto seiner Oper „Medée“ inspirieren ließ. Die Oper wurde 1797 in Paris uraufgeführt, acht Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, in für Frankreich und Europa aufwühlenden Zeiten. Der deutsche Opernregisseur Peter Konwitschny wiederum transportiert Cherubinis Werk für die Stuttgarter Oper in die heutige Gesellschaft. Gut 200 Jahre nach der Premiere scheint Europa, die EU, beruhigter, doch Konwitschny zeigt in seiner aktuellen Interpretation der „Medée“, dass dem mitnichten so ist – dass sich die Konfliktfelder nur verschoben haben. Seine Version ist politisch und polemisch, gespickt mit Anspielungen auf aktuelle Themen wie Fremdenhass und Frauenrechte (Stichwort: #metoo), und kombiniert gekonnt die Brisanz des Mythos und das ästhetische Potential der Oper zu einem eindrücklichen Gesang- und Schauspiel, das die Zuschauer nach ca. zwei Stunden nachdenklich entlässt.

Auf dem (Alp-)Traumschiff des Lebens

Die Inszenierung spielt in einer Küche im Stile der 50er Jahre: die weißen Tische, Stühle und Fliesen wirken klinisch und abgewetzt im grellen Licht der Scheinwerfer, das ganze Gebilde steht schräg im Raum, die Rückwand droht stets auf die Sänger*innen zu kippen. Nur eine Tür in der Rückwand verbindet den Innenraum mit einer unbekannten, äußeren Welt. Durch diese Tür kommen und gehen die Darsteller*innen, deren knallbunte Kostüme sich vom Einheitsweiß der Kulisse abheben. In schicken Kleidern und Anzügen sind sie die Hochzeitsgesellschaft des Jason, der drauf und dran ist, Kreusa zu ehelichen. Jason selbst trägt eine schnieke Marineuniform und gibt, mythengetreu, den Schiffskapitän. Sein Schwiegervater in spe, König Kreon, sieht im weißen Gigolo-Anzug und zurückgegelten Haaren aus wie eine Mischung aus Kleinganove und Kreuzfahrtdirektor. Alles in allem erinnert die Gesellschaft an eine alptraumhaften Version des „Traumschiffs“, auf dem eine Gruppe opportunistischer, oberflächlicher, dem Hedonismus und Materialismus ergebener Individuen durchs Leben schippert, den Sekt immer griffbereit. Bis der Partyschreck wortwörtlich eintritt: Medea. Totgesagt, totgehofft, kehrt sie zurück als Inkarnation des schlechten Gewissens – der ganzen (Fest-) Gesellschaft und Jasons.

In Gothic-Kutte und Lederstiefeln ist sie der sichtbare schwarze Fleck auf der weißen Weste Korinths. Ihr Auftauchen stellt die Entscheidungen der elitären Gruppe um Jason und Kreusa in Frage: War es moralisch richtig, sie zu verstoßen? Hatte Sie jemals eine faire Chance, in Korinth tatsächlich anzukommen, oder war sie stets die fremde Querulantin? Dass Jason seiner Exfrau durchaus noch zugeneigt ist, macht seine letztlich definitive Abkehr für Medea umso schlimmer und nährt ihr Verlagen nach Rache an ihrer Nachfolgerin und Jason. Um ihren ehemaligen Gatten zu treffen, ermordet Medea, wie schon bei Euripides angelegt, auch bei Cherubini/ Konwitschny die zwei gemeinsamen Söhne. Anders jedoch als in Cherubinis Libretto, begeht Medea im letzten Akt nicht Selbstmord, sondern sie, ihre Zofe und auch Jason werden in der Stuttgarter Aufführung nach der Entdeckung des Mordes sofort und öffentlich von den Korinthern gelyncht. Alle drei „Zugewanderte“, Jason, Medea und Néris, müssen sterben, weil sie nie (vollwertige) Glieder des Korinth‘schen Systems, weil sie nie wirklich akzeptiert waren. Es klingt paradox, aber ihre Ermordung soll die Gesellschaft reinigen.

Wer ist schuld?

Die Veränderung am Libretto – dass auch Jason ermordet wird – ist wichtig und unterstreicht den Fokus, den Konwitschny in seiner Version des Medea-Mythos hervorheben will: gesellschaftliche Werte erodieren und schuld daran ist „die Entfremdung“. Bei Konwitschny heißt das konkret: die politische Klasse ist selbst referentiell und abgehoben; das Wirtschaftssystem und die Medien haben sich dem Diktum des allheilbringenden Wachstums und Materialismus ergeben; die Gemeinschaft sondert das Unproduktive, Andersartige und Fremde aus – beginnend bei den Frauen bis hin zu Hilfesuchenden. Hier schließt Konwitschny den Kreis zu den aktuell brennenden Themen auf der europäischen Weltbühne. Seine Opernversion wirft Fragen auf, die ins Mark jeder Gesellschaft treffen: Wir können wir alle gerecht und gleichberechtigt leben? Wie gehen wir mit den nach Europa Flüchtenden um? Was ist „unsere“ Identität vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse?

Den Kopf voller Fragen schwanken die Zuschauer vom Opernhaus gen Heimathafen. Was bleibt? Wie aktuell kann ein tausende Jahre alter Mythos sein? Regisseur Peter Konwitschny formuliert es drastisch-pathetisch: „Was nützt Medea? Uns. Damit wir alle Menschen werden, sensibilisiert gegen unsere eigene Vergewaltigung. Damit das Gute in uns blüht und nicht das Destruktive. Damit uns das Leben, die Freundlichkeit, die Liebe wertvoller werden als Besitz, Betrug und Tötungswahn.“

Mehr Informationen zur Inszenierung auf der Website der Staatsoper Stuttgart >>

 

MariB

 

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