Gesungen, geschrieben, gedeutet. Die Lieder in „Stadt der Engel“ von Christa Wolf.

In Christa Wolfs letztem Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr Freud“ (2010) geschieht neben etlichem Anderen das, worauf ich immer gehofft habe: Die Erzählerin gewährt Einlass in ihre musikalische Sozialisation. Die „Meditation“ namens „Dünn ist die Decke der Zivilisation“ über die Paukenmesse Haydns schrieb Wolf 1998; davor wie danach finden sich im Werk der Autorin seltenst Ausflüge in die Musik, die Rückschlüsse auf die Bedeutung von Musik in Leben und Werk Christa Wolfs zuließen, bis auf einige Stellen in ihrer Prosa, in denen sie Schallplatten erwähnt. Ausgerechnet in ihrem letzten großen Roman „Stadt der Engel“ finden sich über Seiten Liedtitel, scheinbar wahllos aneinander gereiht, die die Erzählerin in einer verzweifelten Nacht singt.

Auf „das Gedicht des heiligen Fleming“ („An sich“, Paul Fleming) reiht Wolf Lied um Lied. Warum diese eine genauere Untersuchung wert sind, zeigt sich spätestens an der Stelle, als die Erzählerin ein Lied aus ihrer Zeit im BDM anstimmt, vor sich selbst erschrickt und abbricht. Die Masse an insgesamt 82 Liedtiteln setzt sich zusammen aus überwiegend älteren, fast ausschließlich deutschsprachigen und in Dur gehaltenen Liedern, größtenteils Volksliedern, aber auch Schlaf-/Wiegen-, Soldaten-, Arbeiter- und Friedensbewegungsliedern, Weihnachtsliedern, was man als Selbstvergewisserung deuten könnte, insofern niemand sonst im Umfeld der Erzählerin Deutsch spricht. Außerdem kann man es als erneute Aufarbeitung ihrer Geschichte in drei politischen Systemen, mit drei verschiedenen Weltansichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, auffassen. Die Lieder liefern zusätzlich einen Hinweis auf das musikalische Interesse und die musikalische Sozialisation der Erzählerin. Das Liedgut reiht sich perfekt in die protestantische und – von der Autorin selbst oft so betitelte – preußische Erziehung, das Großwerden im BDM, frühe Brecht-Lieder zum Aufbau der DDR spiegeln ihre Sozialisation wider. Liedtitel folgt auf Liedtitel, beinah ohne Unterbrechung oder genauere Schilderung der jeweiligen Inhalte – der Tiefendiskurs wird nicht plakativ geschildert, sondern durch die Titel nur angedeutet. Die Selbsterfahrung und -kritik geschieht innerhalb und durch die Lieder.

Das Genre der Lieder trifft der englische Begriff der Storytelling-Songs, also Lieder, die lineare Geschichten durch das Singen erzählen, oft mit topologischen und topografischen Elementen versehen, kurz: Den Geschichten sind Orte oder geographische Gegebenheiten zugewiesen. Auch etliche deutsche Lieder, mit teils explizit deutschen Schauplätzen wie bspw. dem Rhein oder Brandenburg, singt die Erzählerin gegen das Heimweh und gleichzeitig zur Erinnerung und Abschottung zum US-amerikanischen Lebensstil, dem sie sich nicht anpassen kann oder will. So singt sie eben auf Plattdeutsch, Lieder aus der DDR, alte deutsche Volkslieder mit Libretti von Goethe, Schiller, Brecht.

Stilistisch sind die Lieder auch zum Inhalt von Stadt der Engel passend: Oppositionelle Paare wie Tod und Leben, Morgen und Nacht, Liebe und Leid verdeutlichen die Gedanken der Ich-Erzählerin über ihr Alter, den nahenden Tod, der auch auf den letzten Seiten, deutungsoffen, wieder aufgegriffen wird. Vor allem aber die antithetischen topologischen Paare wie Himmel/Erde, oben/unten, hinauf/hinab, Berg/Tal, hinein/hinaus, innen/außen oder Mond/Sonne zeigen das Hauptthema dieser verzweifelten Nacht: Das Durchstehen eines mit anderen Worten als durch das Zitat der Lieder nicht mehr (auf inhaltlicher Ebene) aushaltbaren und (auf poetischer Ebene) erzählbaren Krisenzustands, eines Transit-Stadiums. Auch wenn sie die direkte Hilfe aus dem Telefon, aus Berlin als verstädtlichter Person, ihrem Ehemann, verweigert, holt sie sich durch die Topografie und Topologie der Lieder Deutschland nach Los Angeles.


Auch schildern die meisten Lieder Orte, die an eine Zeit gebunden sind, weil kein Ort ohne Zeit existiert oder gar derselbe bliebe. Ein etwas deprimierendes Beispiel: Kein schöner Land in dieser Zeit, in dessen Titel schon die Vergänglichkeit steckt. Auch werden in vielen Liedern Anweisungen gegeben, wo und wann man sich zu treffen habe, sich wiederfinden werde, spätestens bei Gott im Himmel. Der Frühling zeigt sich in Flora und Fauna, was den Liedern und dadurch der Szene selbst eine hoffnungsvolle Seite einschreibt. Die Stärke, durchzuhalten, nicht ver-rückt zu werden, könnte auch durch die Marsch-Lieder gefestigt werden, die ein topologisches „vorwärts“ als Maxime haben. Hier wird erneut deutlich: Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. (Christa Wolf: Kindheitsmuster, 1976). Die Ekstase durch das gemeinsame Marschieren, eine synchrone, vereinnahmende Bewegung, die sie wohl im BDM häufiger erlebte, lässt Christa Wolf offensichtlich sogar bis kurz vor ihrem Tod nicht los. Was sonst hätten Marschlieder in einer Nacht der Um-Nachtung zu suchen. 

Der erstaunlichste Bruch in der Liste an Liedern geht aber über die topologische und topografische Ebene hinaus. Das 67. Lied „Als die goldne Abendsonne, sandte ihren letzten Schein“ steht ohne Anmerkung inmitten anderer Lieder, unter anderem der Brandenburg-Hymne und Natur- bzw. Wanderliedern. Hier wird wie sonst an keiner anderen Stelle im Text deutlich, wie stark der Nationalsozialismus die Erzählerin, wohl kann man sogar sagen: die Autorin geprägt, „sozialisiert“ hat. Das Kampflied der SA erscheint unkommentiert, man überliest es leicht, bei genauerer Recherche stockt man. Wie passt dieses Lied zum Anfang der Szene, wo die Erzählerin sich selbst unterbricht, als sie ein BDM-Lied anstimmt? Kann man sich wirklich die Erzählerin bzw. Christa Wolf (was im gesamten Text kaum unterscheidbar ist, auch nicht sonderlich wichtig) auf ihrem Bett liegend vorstellen, während sie Strophen wie diese singt:

Du bist nicht umsonst gefallen,
Schwuren sie es ihm aufs Neu,
Dreimal krachten dann die Salven,
Er blieb Adolf Hitler treu. “

Es gibt nur zwei Varianten, diese Stelle zu deuten; entweder handelt es sich um ein absolutes Missgeschick der Autorin und sie verwechselte einen Titel mit diesem, oder (und da geht die Deutung in dieselbe Richtung) es war Christa Wolf nicht bewusst, woher sie dieses Lied kannte. Beides spricht für eine von Wolf stark bekämpfte, aber scheinbar dennoch vorhandene Internalisierung der NS-Ideologie, gegen die nicht einmal eine Autorin von Weltrang gefeit zu sein gewesen scheint, die herausquillt, als sie in immer tiefere Bewusstseinsschichten vordringt.

Andererseits bliebe die Möglichkeit, eine unwahrscheinliche aber angenehmere, dass die Schriftstellerin implizit an einer fast banal erscheinenden Stelle zwischen zig Liedern mittels eines Liedes die grausame Beständigkeit alter Ideologien darstellt und die Lesenden über die Stelle stolpern lassen will. So betrachtet, wäre natürlich zu fragen, inwiefern eine solche Stelle erkannt wird von heutigen Lesenden, denen SA- oder allgemein NS-Lieder kaum oder gar kein Begriff mehr sind – und zwar Gott sei Dank. Das Bestehen vergifteter Gedanken aus der damaligen Zeit zu erkennen und ein für alle Mal auszulöschen, wäre genau jetzt, in Zeiten von gesellschaftlichen Geschwüren wie Pegida und einem sogenannten Schriftsteller, der sich vor ein paar Tagen erst die KZs zurück gewünscht hat, mehr als dringend nötig. Die Schriftstellerin setzte sich intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinander, unter anderem im oben genannten Roman „Kindheitsmuster“, doch dieses Lied weist scheinbar auf eines der von Wolf selbst so betitelten „Medaillons“ ihrer eigenen Biografie hin, auf Erinnerungen, die der „Verhärtung, Versteinerung, Gewöhnung“ unterliegen (Christa Wolf: Lesen und Schreiben, 1972).

So oder so handelt es sich wohl um eine der spannendsten, wenn auch am unscheinbarsten wirkenden Stellen in „Stadt der Engel“, die schließlich nach „Freude schöner Götterfunken“ mit dem Einschlafen der Erzählerin bei den ersten Sonnenstrahlen endet. Die durchstandene Nacht durch alle erdenklichen Jahrzehnte der eigenen Biografie, geschildert durch Liedtitel (und -texte), das einzige Mittel zum Ausdruck, wenn Gespräche, das Schreiben oder andere Mittel versagen, endet, nach Wolfscher Manier auch durch das Erzähltempo spürbar, wie ein langes Ausatmen nach dem Sturm. Es bleibt zu hoffen, dass auch wir bald aufatmen können, wenn die Sorgen bereitenden Bürger zu reflektieren beginnen. Vielleicht sollten auch sie einmal eine Nacht lang singen, und zwar ganz allein, bis sie den Kopf schütteln und ausatmen. Musik, oft als die höchste Kunstform gerühmt, ist nämlich kein alles angreifender Chor von wieder aufgewärmtem und erschreckend missbrauchtem Wir sind das Volk. Ich höre nun zwei Dinge: Ein klares „Nein, seid ihr nicht“ meinerseits und den mahnenden Paul Fleming, der schon 1641 den einzig sinnvollen Weg aus dem Irrsinn kannte: „und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.“.

 

Max Böhner

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.